{"id":913,"date":"2021-05-22T17:12:39","date_gmt":"2021-05-22T15:12:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ifz-international.de\/?page_id=913"},"modified":"2021-05-23T14:01:15","modified_gmt":"2021-05-23T12:01:15","slug":"steve-geil-die-raute-studien-zu-einer-philosophie-geometrischer-formen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.ifz-international.de\/?page_id=913","title":{"rendered":"Steven Geil: Die Raute. Studien zu einer Philosophie geometrischer Formen"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.ifz-international.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/cover_raute.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-877\" srcset=\"https:\/\/www.ifz-international.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/cover_raute.jpg 800w, https:\/\/www.ifz-international.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/cover_raute-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.ifz-international.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/cover_raute-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.ifz-international.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/cover_raute-768x768.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><span style=\"color:#ffffff\" class=\"has-inline-color\">\u2026\u2026\u2026\u2026\u2026\u2026\u2026\u2026\u2026\u2026<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Am 11. Januar 1817 ereignet sich im gr\u00f6\u00dften Postamt von K\u00f6nigsberg folgender Zwischenfall: Aus ungekl\u00e4rtem Anlass sperrt sich der Postmeister Hans Wilhelm Krause nach der ordentlichen abendlichen Schlie\u00dfung unbemerkt und allein in seiner Dienststelle ein. Als er am n\u00e4chsten Tag vollkommen ersch\u00f6pft und nicht ansprechbar von seinen Kollegen gefunden wird, bietet sich ihnen ein unglaubliches Bild. Krause hatte in der Nacht in der ger\u00e4umigen Schalterhalle des Amtes alle vorfindbaren Gegenst\u00e4nde aus s\u00e4mtlichen R\u00e4umen \u2013 von eingegangenen Paketsendungen, Briefmarken, Briefkuverts bis zu Stempel, Peitsche und Stuhl \u2013 nach einem f\u00fcr das blo\u00dfe Auge zun\u00e4chst nicht nachvollziehbaren Muster geordnet. Eine eigens von einem Kartografen angefertigte Inventur dieses Ereignisses f\u00f6rderte eine schier unfassbare Feststellung ans Tageslicht. Das vermeintliche Chaos Hans Wilhelm Krauses hatte System. Zeichnete man die Wege der nach und nach gr\u00fcndlichst im Raum verteilten Dinge nach, so musste man feststellen, dass, egal von welchem Objekt man ausging, sich alle Linien in eindeutiger Parallelit\u00e4t und Winkelgr\u00f6\u00dfe exakt zu einer Form verbinden lie\u00dfen: zur Raute.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese ungew\u00f6hnliche Anekdote des Preu\u00dfischen Postdienstes zu Beginn des 19. Jahrhunderts fand bereits Erw\u00e4hnung in psychiatrischen und kartografischen Schriften der nachfolgenden Jahrzehnte; und selbst Sigmund Freud bekundete um 1900 (wenn auch nur in einer Fu\u00dfnote) Kenntnis dieses Vorfalls.<\/p>\n\n\n\n<p>In Steven Geils <em>Die Raute<\/em> steht das n\u00e4chtliche Handeln Hans Wilhelm Krauses (der Jahre sp\u00e4ter der ersten nachweisbar durch einen Brief \u00fcbertragenen Syphiliserkrankung zum Opfer fallen sollte) am Anfang einer ungew\u00f6hnlichen Analyse formalen Organisationsdenkens. \u00dcber die Jahrhunderte hinweg verfolgt Geil rautische Muster und ein \u201arhombisches Denken\u2019 (<em>rhombic thinking<\/em>), das sich in astronomischen Figuren, in den Projekten Leonardo da Vincis, in sakralen Liturgien der spanischen Inquisition, in medizinischen Befunden des Galvanismus bis hin zur modernen Neurowissenschaft, wie auch in Formationen des postindustriellen Finanzmarktes oder des digitalen B\u00f6rsenhandels wiederfinden l\u00e4sst. Geil entdeckt einen gewissen \u201aRautionalismus\u2019 und eine \u201aRautionalit\u00e4t\u2019 (Begriffe im Original auf Deutsch), die um 1800 unbemerkt, aber umso verst\u00e4rkter in gesellschaftlichen Milieus wie Fabriken, Kasernen, Schulen, Krankenh\u00e4usern, Freizeitparks, Gef\u00e4ngnissen oder Universit\u00e4ten implementiert werden. Fallbeispiel ist hier die Universit\u00e4t Heidelberg, an der Geil lange Zeit forschte und welche ihn zum zentralen deutschen Begriff der \u201aRautionalit\u00e4t\u2019 inspirierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Erscheint die Causa Hans Wilhelm Krause zun\u00e4chst wie eine einzelne psychotische St\u00f6rung, so wird nach Geil das Vorgehen des \u201aRauten-Legens\u2019 (rhombic) von nun an eine hegemoniale institutionelle Praxis, die sich durch alle sozialen, \u00f6konomischen oder technischen Gef\u00fcge hindurchzieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit <em>Die Raute <\/em>legt Steven Geil den ersten wichtigen Band seiner gro\u00df angelegten \u201aPhilosophie geometrischer Formen\u2019 vor. Es ist zweifellos verwunderlich, dass ein Autor wie Geil noch immer international gr\u00f6\u00dftenteils nur im Schatten franz\u00f6sischer Philosophen und Ph\u00e4nomenologen wie Michel Foucault, Jules Broullie, Roland Barthes oder Maurice Merleau-Ponty, aber auch fern der Reputation eines Logikers wie Charles Sanders Peirce rezipiert wird. M\u00f6glicherweise, so eine leise Vermutung, sind seine entlarvenden Thesen vom unweigerlichen Zusammenhang einer wissenschaftlichen Selbstverwaltung und einer b\u00fcrokratischen Wissenschaft f\u00fcr viele Zeitgenossen, die sich innerhalb der institutionalisierten Gedankenarbeit bewegen, weiterhin zu unbequem. Doch auch heute sind Geils Diagnosen von unbestreitbarer Brisanz und von dringlichster Bedeutung f\u00fcr eine Hinterfragung gesellschaftlicher Erkenntnisproduktion. Die Wissenschaft der Institutionen kann demnach mit Geil auf allen Ebenen als ein best\u00e4ndiges Anordnen geometrischer Formen verstanden werden \u2013 ein Ordnungsprozess, der zumeist fern der wissenschaftlichen Wahrheitssuche vielmehr als \u201aantipragmatische Mathematik\u2019 beschrieben werden muss.&nbsp; Das letzte Kapitel&nbsp; \u201aEnt-Rautung\u2019 ist folglich ein klares, zeitgen\u00f6ssisches Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Austreibung eines rhombischen Vernunftdenkens aus den Wissenschaften wie auch aus ihrer Verwaltung.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstausgabe 1971 | Neuauflage im Erscheinen 2022.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Englischen von Martin Martin Schlesinger.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026\u2026\u2026\u2026\u2026\u2026\u2026\u2026\u2026\u2026 Am 11. 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